Eine objektive Liebeserklärung an England

Das furiose "Dear Oxbridge" von Nele Pollatschek erscheint kurz vor dem endgültigen Brexit. Eine Literaturkritik von Thorsten Schulte.

Nele Pollatschek legt mit ihrem neuen Buch „Dear Oxbridge“ eine Liebeserklärung an England vor, eine Liebeserklärung an die ehrwürdigen Universitäten Cambridge und Oxford, an denen sie studierte. Es ist eine Liebeserklärung an Menschen, „die so sehr wie Karikaturen des 19. Jahrhunderts wirken“ – an Putzfrauen und Professoren, „deren Wohl mir bis heute am Herzen liegt“, und an Teetassen, verstopfte Toiletten, übereinandergestapelte Teppiche sowie an hartes Lernen. Pollatscheks Portrait von Cambridge und Oxford, verschmolzen zu Oxbridge, ist einfühlsam und intensiv. Es wird deutlich, wie offen, international und tolerant die traditionellen Universitäten sind – mit beispielsweise einer überraschend hohen Dichte an trans und genderqueeren Menschen. „Oxbridge ist in vielerlei Hinsicht eine statistische Anomalie“, merkt Pollatschek an.

Die Gesamtzahl der Bewerbungen um einen Studienplatz in Oxford und Cambridge steigt jedes Jahr. Die beiden Universitäten sind ein Magnet für die intellektuelle Elite aus der ganzen Welt. Umso schwerer ist es, den Weg an diesen „internationalen Ort“ zu finden. Ihn zu erkämpfen, war Pollatscheks Obsession. In ihrem Buch legt sie ihn offen und verrät, ob Geld eine Rolle auf dem Weg nach Oxbridge spielt. Zwar steigt der Anteil der Studenten, die von staatlichen Schulen an die Universitäten gelangen, aber noch immer legt der Drill der Privatschulen den Grundstein.

Nele Pollatschek stellt die „Toffs“ vor, diejenigen Studenten, welche aus reichen Familien kommen, unter ihresgleichen bleiben, einen Ehrenkodex entwickelt haben und auf andere herabblicken. „Sie sind wie ein Volk für sich.“ Sie bilden Clubs, erfreuen sich an Prostituierten und Prügeleien und nehmen im Suff Restaurants auseinander. Großbritanniens Premierminister Boris Johnson war jahrelang Mitglied eines solchen Clubs, „dem kein Schaden zu teuer für das eigene Vergnügen ist“. So erklärt sich, weshalb er Freude dabei empfand, sein Land in den Brexit zu treiben. „Wer das Geld hat, hat auch das Recht. Und wer kein Geld hat, hat keine Rechte.“ Mitglieder der seit Generationen reichen, britischen Familien genießen alle Privilegien und sind überzeugt, dass sie das auch verdienen. So sei es auch bei der Queen. Denn der Erhalt der Monarchie hänge davon ab, „dass es eine Familie gibt, die von sich selbst denkt, dass sie erblich bedingt einzigartig ist.“

Die Autorin analysiert messerscharf und greift besonders soziale Ungleichheiten heraus. Argumentationsketten gipfeln in über Anaphern verbundenen Aufzählungen prägnanter Beispiele. In den kurzen Sätzen fühlt der Leser die Erregung und die Empörung der Autorin über verschwendete Steuergelder oder die „absolute Gnadenlosigkeit“ von Margaret Thatcher und teilt sie. „Dear Oxbridge“ zu lesen ist daher ähnlich und ebenso fesselnd wie den Vorträgen Pollatscheks zu folgen. Auf klarer Logik aufbauende und in hoher Geschwindigkeit vorgestellte Ideen prägen ihre Kongressauftritte und Diskussionen während Lesungen. Sie zeigt soziale Missstände auf, diskutiert Probleme der geschlechtergerechten Sprache, zieht Rückschlüsse aus dem Klimawandel und weist auf Gemeinsamkeiten von „Literatur und Menschsein“ hin, wie sie es einmal in ihrem grandiosen Podcast „Pollatscheks Kanon“ auf hr2 formulierte.

Sie spricht und schreibt darüber, was es heißt, ein Mensch zu sein. Angesichts der Schadenfreude der britischen Bevölkerung an der Demontage ihrer Premierminister fragt sie: „Wie kämpft man für das Gute, ohne im politischen Gegner nur noch das Böse zu sehen?“ Dies sei auch außerhalb Englands eine wichtige Frage. Pollatschek ruft mit „Dear Oxbridge“ zum Dialog auf – auch zum Dialog über schlechte Ideen und falsche Wege wie den der „Entmenschlichung des Andersdenkenden“ durch Margaret Thatcher. Denn daraus könne man lernen und es mache uns zu besseren Menschen, wenn wir aus Fehlern lernen.

In ihrem Podcast erklärte Pollatschek im März 2020, wie man mit Boccaccios Dekamerone eine Pandemie überstehen kann, obwohl Menschen im Angesicht der Seuche kopflos, unsozial und egoistisch werden. In ihrem neuen Buch „Dear Oxbridge“ erklärt sie, was nach der Pandemie wieder wichtig werden wird, wenn Zeit für Themen wie Energiewende und eine Stärkung des Sozialstaates bleibt, wenn Menschen also die Chance haben, weniger kopflos und egoistisch zu sein. Großbritannien müsse mehr Geld „in das marode Krankenkassensystem, in die Bildung oder in Renten“ investieren. Dieser Appell kommt im Jahr 2020 mitten in der zweiten Welle der Corona-Pandemie und zugleich zum baldigen Ende der Brexit-Übergangsfrist, die am 31. Dezember 2020 dem Austrittsabkommen zwischen der Europäischen Union und Großbritannien entsprechend abläuft. Die Stadt Wiesbaden nennt als Grund für die vermehrte Einbürgerung von Briten während dieser Phase die Enttäuschung über eine Spaltung der Gesellschaft, die sich in Ab- und Ausgrenzung widerspiegelt und von den Befürwortern des Brexits forciert wurde. Dem würde Nele Pollatschek zweifellos zustimmen. Im Ausgang des Referendums sei deswegen auch kein „generelles Charakterurteil über England oder sogar Großbritannien zu sehen“, schreibt sie.

Ihr kenntnisreicher Blick von innen und von außen auf England in dieser das Land zerreißenden Zeit ist faszinierend. Und sie belegt, welche Vorteile das Aufeinandertreffen von Kulturen bringt und wie bereichernd Unterschiede sein können. „Oxbridge“ ist eben sowohl der Ursprung des Brexits, eine sozioökonomische Blase, als auch Hort der Freiheit und schier unerschöpfliche Wissensquelle. Nele Pollatschek hat „Oxbridge“ kein „Denkmal“ gesetzt, wie es der Klappentext des Buches behauptet. Sie hat es mit einem furiosen Spagat geschafft, eine objektive, ausgewogene Liebeserklärung zu schreiben. Ein Muss nicht nur für jeden England-Fan!

Rezension von Thorsten Schulte; der Text erschien zuerst auf www.literaturkritik.de - monatliches Online-Magazin für Literaturkritik, das "erste und umfangreichste seiner Art im deutschen Netz" (FAZ) - und nun im "Brexit-Update" der Hessen Trade & Invest GmbH.

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Thorsten Schulte

Thorsten Schulte

Leiter der Stabsstelle Unternehmenskommunikation, Strategische Projekte und Büro der Geschäftsführung

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